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Jonas Kirschner

Die psychiatrische Pflege im Allgemeinen, aber insbesondere die im geschützten Bereich, ist für alle Beteiligten ein forderndes Umfeld voller Extremen und Intensität in vielerlei Hinsicht. Patient*innen, die in eigenen Welten wandeln. Mit intensivsten Gefühlen, Ängsten und Gedanken, oft schwer zu erreichen, häufig wenig compliant. Nicht selten aggressiv oder auf mehreren Ebenen angreifend. Es ist ein überaus anspruchsvolles und gelegentlich unterschätztes Arbeitsfeld, in dem Beziehungsarbeit auf höchstem Niveau unter extremen psychischen Bedingungen gefordert wird.

Hier geht es nicht um die Heilung von Wunden oder die Verbesserung von physiologischen Werten. Hier werden Leben subtiler gerettet. Manchmal von außen wenig bedeutsam, manchmal fast unbemerkt und wenig spektakulär. Dies zeigt sich oft z.B.: in ersten ?kleinen? Schritten zurück ins Leben. Dadurch, dass Patient*innen notwendige Medikation freiwillig und ohne Druck oder Zwang selber einnehmen ? auch wenn sie gerade wahnhaft davon überzeugt sind, dass sie vergiftet und getötet werden sollen und deshalb Niemandem trauen. Oder darin, dass jemand das Bett nach Tagen oder Wochen verlässt, weil die begleiteten Spaziergänge ein Lichtblick in der Dunkelheit sind und die pflegerische Begleitung in seiner Person Motivation genug ist diese ersten Schritte zu schaffen, trotz schwerster Depression. Oder auch darin, sich selber fast freiwillig in die Reizabschirmung bzw. den Überwachungsbereich begibt, weil genug Vertrauen vorhanden ist, dass es gut gemeint und sinnvoll ist. Und so keine Einschüchterung, Handgreiflichkeit oder Zwang eingesetzt werden musste. Oder auch darin,  wie deeskalierend Situationen gelöst werden können bevor es zu extremeren Maßnahmen wie z.B.: Fixierung, Isolation oder Zwangsmedikation kommt.

Einiges davon musste ich selber erleben, anderes wurde mir in der Zeit danach von anderen Patient*innen berichtet. Kurz nach der Geburt meines Sohnes fand ich mich aufgrund einer unvorhersehbaren postpartalen Psychose nicht im herbeigesehnten Wochenbett wieder, sondern im Isolationsbereich der ?Geschlossenen?. Getrennt von meinem Baby, mit vielen wüsten Gedanken im Kopf. Lost, verzweifelt, eingeschlossen und weit weg von meinem eigentlichen Erleben. Und dort in den Trümmern meines Seins, meiner Seele und meiner Welt wie ich sie kannte, begegnete mir unerwartet viel Menschlichkeit, Empathie, Vertrauen - und sogar Lachen.

Ich bin in dieser Zeit ein paar Pflegefachpersonen dort mit spürbar viel Herz und Offenheit begegnet, aber besonders ein Pfleger hat dort bemerkenswerte Arbeit geleistet. Herr Kirschner hat nicht nur mich in meiner persönlich herausforderndsten und wortwörtlich entrücktesten Zeit begleitet, sondern auch bei vielen anderen Patient*innen Spuren hinterlassen. Sein Name und viele wertschätzende Worte über ihn, sowie die oben genannten Beispiel habe ich in den letzten vier Jahren an den unterschiedlichsten Orten gehört. Deshalb möchte ich ihn nun und hiermit für den Preis ?PflegerIn der Jahres 2026? nominieren.

Herr Kirschner ist ein sehr erfahrener psychiatrischer Pfleger, der eine außergewöhnlich menschliche, nahbare und respektvolle Haltung gegenüber Patient*innen hat die durchweg spürbar ist. Egal in welchen Nöten und auch ? manchmal sehr peinlichen und entwürdigenden ? Situationen ? Herr Kirschner ermöglicht es, mit seiner ganz eigenen Mischung aus Humor, Leichtigkeit und Ernsthaftigkeit, dass man in diesen Situation Mensch bleiben kann. Mit Würde und auf Augenhöhe. Was für andere pflegerische Bereiche trivial und selbstverständlich klingt, ist im psychiatrischen Umfeld eine ziemliche Ausnahme. Ich habe während meiner mehrwöchigen Aufenthalte oft genug erlebt, wie es genau dieses Gefühl und diese Haltung ist, die sich im Umgang mit Patient*innen in belastetem Situationen als erstes verabschieden.

Herr Kirschner war deshalb auf der Station viel gefragt. Ob Kurzkontakt, Spaziergang oder kurzer Rat für die nächsten Schritte nach vorne. Er nahm sich dafür wo es ging Zeit. Trotz spürbar vorhandenen Zeitdruck gab er einem im Gespräch immer das Gefühl präsent und interessiert zu sein und aufmerksam zuzuhören. Er konnte selbst dann Brücken bauen, wenn Menschen schon längst aus dem Kontakt gegangen waren und unerreichbar schienen. Er vermittelt das Gefühl von Sicherheit an einem Ort und zu einer Zeit wo sich für die Betroffenen wenig sicher anfühlt. Hinter den verschlossenen Türen hört man ihn oft im Gang vor sich hinpfeifen. Das kann in einer Welt der Isolation und der manchmal seltsam stillen Gänge ein Gefühl von ?keine Gefahr? vermitteln. Und dieses Gefühl ist so wichtig.

Es sind diese und aber auch andere vermeintliche Kleinigkeiten, die dieses Sicherheitsgefühl und viel Menschlichkeit vermitteln. Zum Beispiel das Tragen des Namenschildes mit Vor- und Nachnamen, damit man für Patient*innen ansprechbar bleibt und sich damit auch ein Stück als Person zeigt. Oder das Erinnern an Namen oder Lebensdetails nach längerer Abwesenheit oder zwischen Aufenthalten. Selbst die Art Grenzen in entgrenzten Situationen zu ziehen ist menschlich,geschickt und oft verbunden mit wohlwollenden Humor smart gelöst. Patient*innen die empfindlich auf Grenzziehung und gefühlte ?Abweisung? reagieren, können dies von Herrn Kirschner meistens gut akzeptieren.

Und das ist es vielleicht sogar im Kern. Herr Kirschner vermittelt das Gefühl von ?keine Gefahr? und ?Mensch sein? in einem ?gefährlich? wirkenden und manchmal fast entmenschlichten Umfeld. Er bring Menschlichkeit, Offenheit und pflegerischen Kompetenzen in die intensive Beziehungsarbeit dort auf Station. Das macht m.E.: Herrn Kirschner zu einem der außergewöhnlichsten und herausragendsten Pfleger. Darüber hinaus leistet er zudem auch konzeptionelle Arbeit und gibt seine Werte und Haltung als Trainer weiter. Als Deeskalationstrainer vermittelt er vieles, was die psychiatrische Pflegewelt teilweise so dringend braucht.

Dabei denkt er gerne auch außerhalb der Norm z.B.: mit Ansätzen um mehr Patient*innenperspektive in die Fortbildungen einzubringen. Zudem beteiligt er sich fachlich und inhaltlich an Konzepten für die Station dazu wie Fixierungen vermieden werden könnten. Ich als Betroffene kann nicht genug betonen, was das für wichtige konzeptionelle Arbeit ist, die Vielen zusätzliches Leid ersparen könnte.

So sind es Menschen wie Herr Kirschner, die dazu beitragen, dass sich die psychiatrische Pflege und Versorgung weiterentwickelt. Die die?Geschlossene? eher zu einem Ortes des Schutzes und der Sicherheit machen, als zu einem Ort des ausgeliefert seins und der Angst.

Und die die Kernwerte der Pflege stärken und weitergeben. Für viele Menschen war er in einer der schwierigsten Phasen des Lebens unter Extrembedingungen derjenige, der Würde, Vertrauen, Sicherheit und ein Gefühl des Mensch seins zurückgebracht hat. Mit spürbar Herz & auch immer mit Mut.

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